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Netzausbau: Bevölkerung lässt sich Zustimmung zum Bau neuer Stromtrassen nicht abkaufen

Pressemitteilung vom 18.09.2018

Für die Energiewende muss das Stromnetz in Deutschland ausgebaut werden. Sind neue Stromtrassen geplant, regt sich vielerorts Protest. Würde der Staat  angrenzenden Kommunen finanzielle Anreize bieten, ändert dies nichts an den Zustimmungsraten der betroffenen Bürger. Bekämen diese privat 100 bis 250 Euro pro Jahr vom Staat angeboten, kann das sogar negative Auswirkungen auf ihre Zustimmung zu Stromtrassen vor der eigenen Haustür haben. Das zeigt eine Studie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, für die mehr als 10.000 Teilnehmer des forsa-Haushaltspanels befragt wurden.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Finanzielle Anreize erhöhen die Zustimmung zum Bau neuer Stromtrassen vor der eigenen Haustür nicht, sie können sogar kontraproduktiv wirken. Das ist das Ergebnis eines Experiments mit mehr als 10.000 Teilnehmern des forsa-Haushaltspanels.
  • Einem zufällig ausgewählten Drittel der Befragten wurde eine private Zahlung von 100, 250 oder 500 Euro pro Jahr in Aussicht gestellt. Einem anderen Drittel wurde mitgeteilt, die Gemeinde würde eine entsprechende Zahlung erhalten. Dem übrigen Drittel wurden gar keine finanziellen Anreize geboten. In der Kontrollgruppe ohne finanzielle Anreize lag die Zustimmung zum Bau neuer Stromtrassen in der unmittelbaren Umgebung bei knapp 67 Prozent. Die private Zahlung von 100 bzw. 250 Euro verringerte die Zustimmung der Befragten auf 62 bzw. rund 61 Prozent. Wurden 500 Euro geboten, sank die Zustimmung nicht ganz so stark auf etwas mehr als 64 Prozent. Erhielten statt der Anwohner die Gemeinden das Geld, änderte das die Zustimmung nicht. In keinem Fall erhöhten die Zahlungen also die Akzeptanz neuer Stromtrassen.
  • Der geschätzte negative Effekt bei finanziellen Angeboten an Privatpersonen kann zwei Gründe haben. Erstens sinkt die intrinsische Motivation, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, wenn man Geld für diese gute Tat bekommt. Zweitens interpretierte ein Drittel der Befragten die finanziellen Anreize als Zeichen dafür, dass Stromtrassen Risiken bergen: Sie gaben an, dass die finanziellen Angebote sie auf mögliche negative Folgen der Stromtrasse aufmerksam gemacht hätten.

Der Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am RWI, Manuel Frondel, sagt: „Statt Anwohnerinnen und Anwohnern Entschädigungen zu zahlen, sollten Bund, Länder und Kommunen sie frühzeitig und transparent über Bauprojekte wie Stromtrassen informieren und in die Planung einbinden.“

Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Kopernikus-Projekts ENavi und des Projekts AKZEPTANZ finanziert, das die gesellschaftliche Einstellung zur Energiewende erforscht.

Ihre Ansprechpartner dazu:   

Prof. Dr. Manuel Frondel, Tel. (0201) 81 49-204
Sabine Weiler (Pressestelle), Tel. (0201) 81 49-213

Dieser Pressemitteilung liegt die RWI Impact Note „Kann die Zustimmung zum Bau neuer Stromtrassen erkauft werden?“ zugrunde. Sie kann unter http://www.rwi-essen.de/publikationen/rwi-impact-notes/ als pdf-Datei heruntergeladen werden. Die englischsprachige Studie ist als Ruhr Economic Paper #742 („Does Financial Compensation Increase the Acceptance of Power Lines? Evidence from Germany“) erschienen. Es ist unter http://www.rwi-essen.de/publikationen/ruhr-economic-papers/ als pdf-Datei erhältlich und im Open Access frei zugänglich. Über Auszüge aus der Studie berichtete die FAZ vom 18.09.2018 unter dem Titel „Der Bürger ist bei Stromtrassen nur bedingt käuflich“.

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