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RWI: Gute Integration in den Arbeitsmarkt hilft langfristig, Folgen von Flucht und Vertreibung zu überwinden

Pressemitteilung vom 09.11.2017

Wer Flucht und Vertreibung erfährt, hat noch Jahrzehnte später eine verkürzte Lebenserwartung. Wer auf dem Arbeitsmarkt sehr gut integriert ist, kann diesen negativen Effekt jedoch überwinden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle RWI-Studie zu den längerfristigen Folgen von Flucht und Vertreibung für die Betroffenen. Sie basiert auf Daten der Deutschen Rentenversicherung und vergleicht die Erwerbsbiografien von Vertriebenen der Jahre 1944 bis 1950 mit einer westdeutschen Vergleichsgruppe.

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung verkürzt die Lebenserwartung. Das gilt insbesondere für Menschen, die in ihrem weiteren Leben nur ein geringes Einkommen erzielen konnten. Diejenigen mit außerordentlichem Erfolg am Arbeitsmarkt können hingegen offenbar die langfristigen negativen Effekte von Flucht und Vertreibung überwinden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung auf der Grundlage von Daten der Deutschen Rentenversicherung. Hierzu wurde die lebenslange Erwerbsbiografie von Westdeutschen mit der erwachsener Menschen verglichen, die in den Jahren 1944 bis 1950 aus den Ostgebieten vertrieben wurden.

Betrachtet man sich die Sterblichkeit dieser Vertriebenen in den Jahren 1994 bis 2013, fällt auf, dass sie deutlich über der der westdeutschen Vergleichsgruppe liegt. Bei Männern ist sie durchschnittlich zwischen 12 und 21 Prozent höher, bei Frauen um 3 bis 9 Prozent. Im Alter von 88 Jahren waren beispielsweise bereits 80 Prozent der Männer aus der Vertriebenengruppe verstorben, von den westdeutschen Männern hingegen 74 Prozent. Von den Frauen im gleichen Alter waren 73 Prozent der Vertriebenen bereits tot, aber nur 62 Prozent der Vergleichsgruppe.

Gelungene Integration in den Arbeitsmarkt verlängert das Leben

Die verkürzte Lebenserwartung betrifft allerdings offenbar vor allem die unteren Einkommensgruppen, der Effekt verringert sich mit zunehmendem Einkommen. Die Vertriebenen, die die obersten 20 Prozent der Einkommensverteilung erreicht haben, haben sogar eine höhere Lebenserwartung als die westdeutsche Vergleichsgruppe.

Obwohl allein im Jahr 2015 nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) mehr als 65 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ist bisher wenig über die langfristigen Auswirkungen auf das weitere Leben von Geflüchteten bekannt. „Unsere Untersuchung zeigt, wie wichtig eine gelungene Integration in den Arbeitsmarkt für geflüchtete Menschen ist und wie positiv sie ihr Leben langfristig beeinflusst“, so RWI-Vizepräsident Prof. Dr. Thomas K. Bauer. 

Flucht und Vertreibung hatten langfristige Folgen für die Betroffenen

Im verwendeten Datensatz erfasst wurden Personen, die bei der Flucht/Vertreibung in den Jahren 1944 bis 1950 zwischen 18 und 45 Jahre alt waren. Insgesamt kamen in diesem Zeitraum rund 7,9 Millionen Menschen aus den Ostgebieten nach Westdeutschland, darunter 4,4 Millionen „Reichsdeutsche“ (unter anderem aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern) und 3,5 Millionen „Volksdeutsche“ (hauptsächlich aus dem Sudetenland).

Zwar waren im Nachkriegsdeutschland Arbeitskräfte sehr gefragt und der deutsche Staat unternahm große Anstrengungen, um die Vertriebenen zumindest teilweise finanziell für die Kriegsfolgen zu entschädigen. Trotzdem lagen die Arbeitslosenraten in diesem Teil der Bevölkerung auch langfristig über denen vergleichbarer westdeutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Folgen ihrer Vertreibung reichten damit offenbar weit über die Umsiedlung und den materiellen Verlust hinaus.

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Ihre Ansprechpartner:

Prof. Dr. Thomas K. Bauer                         Tel.: (0201) 8149-264
Jörg Schäfer (Pressestelle)                         Tel.: (0201) 8149-244

Dieser Pressemitteilung liegt das Ruhr Economic Paper #713 („Forced Migration and Mortality“) zugrunde. Es ist unter www.rwi-essen.de/rep/ als pdf-Datei erhältlich.

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