Presse

Inlandsnachfrage trägt weiterhin deutsche Konjunktur

Pressemitteilung vom 17.06.2015

Das RWI senkt seine Prognose des deutschen Wirtschaftswachstums für das Jahr 2015 gegenüber März von 2,1 auf 1,8%; für 2016 bleibt es bei 1,9%. Der Aufschwung in Deutschland wird weiterhin wesentlich von der Inlandsnachfrage getragen, während der Außenhandel kaum einen Beitrag leistet. Der Arbeitsmarkt dürfte sich trotz der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns insgesamt positiv entwickeln. Die zu Jahresbeginn vorübergehend ins Negative gerutschte Inflationsrate dürfte vom derzeit niedrigen Niveau aus mit zunehmenden Raten steigen. Die Finanzlage des Staates dürfte sich durch die gute gesamtwirtschaftliche Lage weiter verbessern. Risiken für die deutsche Konjunktur sind vor allem die Entwicklung Griechenlands und der Weltwirtschaft.

Die deutsche Konjunktur bleibt aufwärts gerichtet. Für dieses und das kommende Jahr rechnet das RWI allerdings mit einer leichten Verschiebung der den Aufschwung treibenden Kräfte: während einerseits die stimulierenden Wirkungen des Ölpreisrückgangs auf den privaten Konsum auslaufen dürften, dürften sich andererseits die Abwertung des Euro und die sich belebende Konjunktur im Euro-Raum positiv auf die Ausfuhren auswirken. Einer kräftigeren Zunahme des Exports steht aber die nach wie vor schleppend verlaufende Konjunktur in wichtigen Schwellenländern entgegen. Die Unternehmen dürften mit zunehmender Kapazitätsauslastung auch verstärkt investieren. Jedoch weiten sie ihre Investitionen in geringerem Maße aus als in früheren Aufschwüngen, weil die Nachfrageimpulse aus dem Ausland schwach bleiben und die binnenwirtschaftliche getragene Expansion Dienstleistungssektoren begünstigt, die weniger kapitalintensiv produzieren.

Alles in allem dürfte das BIP in diesem Jahr um 1,8% zunehmen. Damit liegt die Prognose ein wenig unter der vom März, dies vor allem wegen der schwächeren Konjunktur außerhalb des Euro-Raums. Für das kommende Jahr prognostiziert das RWI eine Zunahme des BIP um 1,9%. Dabei dürften im Verlauf des Jahres die Zuwächse geringer werden, da die Auftriebskräfte für den Konsum an Schub verlieren und die stimulierenden Wirkungen der Abwertung des Euro auslaufen.

Trotz Mindestlohn dürfte sich Lage am Arbeitsmarkt erneut verbessern

Durch die nach wie vor aufwärts gerichtete Konjunktur dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessern. Zwar werden nach und nach negative Auswirkungen der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns auf Teile des Arbeitsmarkts sichtbar. So war insbesondere die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten im März um gut 150 000 niedriger als im Herbst 2014, womit die Erwerbstätigkeit in diesem Segment zum ersten Mal nennenswert gesunken ist. Für die Erwerbstätigkeit insgesamt hat dies aber lediglich eine Verlangsamung des Anstiegs zur Folge, und auf die Zahl der Arbeitslosen schlägt es kaum durch. Ein Teil der Stellen geringfügig Beschäftigter dürfte in sozialversicherungspflichtige Stellen umgewandelt worden sein. Diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, waren entweder ohnehin als arbeitslos gemeldet oder gar nicht bei der Arbeitsagentur registriert, da sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Die Arbeitslosenquote dürfte auf durchschnittlich 6,4% in diesem und auf 6,2% im kommenden Jahr sinken.

Die Inflationsrate war zu Jahresbeginn aufgrund der stark gesunkenen Energiepreise, aber auch rückläufiger Nahrungsmittelpreise, vorübergehend ins Negative gerutscht. Inzwischen steigen die Preise jedoch wieder mit zunehmenden Raten. Dazu trägt bei, dass die Rohölpreise inzwischen wieder angezogen haben und die Einfuhren von Nicht-Energiegütern sich aufgrund der Abwertung des Euro deutlich verteuern. Bereits in diesem Jahr dürfte der dämpfende Effekt des Ölpreisrückgangs auf die Inflation auslaufen. Für den Jahresdurchschnitt erwartet das RWI eine Teuerungsrate von 0,5%. Im kommenden Jahr dürfte die Inflation im Wesentlichen durch den inländischen Preisauftrieb bestimmt werden und die Verbraucherpreise um 1,7% steigen.

Dank guter Konjunktur steigt der staatliche Budgetüberschuss weiter

Die von der Inlandsnachfrage getragene gesamtwirtschaftliche Expansion lässt die Einnahmen des Staates kräftig sprudeln, was zu einer weiteren Verbesserung der staatlichen Finanzlage beiträgt. Die Finanzpolitik bleibt über den gesamten Prognosezeitraum gesehen leicht expansiv ausgerichtet. Zum einen hat die Bundesregierung die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur aufgestockt und finanzschwachen Gemeinden für Investitionsvorhaben zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. Zum anderen wurden die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung Mitte 2014 spürbar aufgestockt und die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung Anfang 2015 ausgeweitet. Einnahmeseitig gehen von der Finanzpolitik nach den bislang absehbaren Maßnahmen geringe Impulse aus, denn bei der Einkommensteuer kommt es lediglich aufgrund der verfassungsmäßig gebotenen Anhebung des Grundfreibetrags und des Kinderfreibetrags zu geringen Entlastungen. Nicht berücksichtigt ist in der vorliegenden Prognose der von der Bundesregierung für 2016 angekündigte, aber noch nicht näher spezifizierte Abbau der kalten Progression. Er könnte je nach Ausgestaltung zu Mindereinnahmen des Staates zwischen 1,5 und 10 Mrd. Euro führen.

Die aus der expansiven Ausrichtung der Finanzpolitik resultierenden strukturellen Haushaltsbelastungen werden durch konjunkturbedingte Mehreinnahmen und Minderausgaben sowie durch die aus dem ausgesprochen niedrigen Zinsniveau resultierenden Einsparungen beim Schuldendienst mehr als ausgeglichen. Der staatliche Budgetüberschuss, der sich im vergangenen Jahr auf 18,6 Mrd. Euro belief, dürfte daher leicht steigen – im laufenden Jahr voraussichtlich auf rund 19 Mrd. Euro und im kommenden Jahr auf reichlich 20 Mrd. Euro.

Entwicklung Griechenlands und der Weltwirtschaft sind Risikofaktoren

Die vorliegende Prognose ist freilich mit Risiken verbunden. Zum einen ist die Zukunft Griechenlands im Euro-Raum und in der EU derzeit ungewiss. Ein Zahlungsausfall Griechenlands wäre wahrscheinlich mit neuerlichen Turbulenzen an den Finanzmärkten verbunden und könnte negative Folgen für die deutsche und die europäische Konjunktur haben. Aber auch außerhalb des Euro-Raums bestehen Gefahren. So war die Expansion der Weltwirtschaft in den ersten Monaten dieses Jahres erheblich schwächer als allgemein erwartet. Die OECD hat ihre Prognose der Zunahme des Welt-BIP in ihrem jüngsten World Economic Outlook (2015) gegenüber ihrer Prognose vom Herbst 2014 um 0,6%-Punkte auf 3,1% zurückgenommen. Während in den USA der Rückgang des BIP im ersten Quartal wohl überwiegend auf Sonderfaktoren zurückzuführen war und sich eine Gegenreaktion im zweiten Quartal abzeichnet, bleibt die Konjunktur in China und in anderen Schwellenländern anfällig für Störungen.  

(veröffentlicht in „RWI Konjunkturberichte“, Heft 2/2015)

-----------

Ansprechpartner:          

Prof. Dr. Roland Döhrn, Tel.: (0201) 81 49-262

Katharina Fischer (Pressestelle), Tel.: (0201) 81 49-244

Hoch