Presse

Deutsche Konjunktur bleibt aufwärtsgerichtet

Pressemitteilung vom 18.06.2013

Das RWI senkt seine Prognose des deutschen Wirtschaftswachstums für das Jahr 2013 gegenüber März 2013 leicht von 0,6 auf 0,4%; für 2014 von 2,1 auf 1,9%. Getragen wurde die Konjunktur zu Jahresbeginn insbesondere von den privaten Konsumausgaben, während die Investitionen weiter rückläufig waren und die Außenwirtschaft kaum zur Expansion beitrug. Für den Prognosezeitraum ist bei einer Verbesserung der internationalen Konjunktur eine lebhaftere Investitionstätigkeit zu erwarten, auch weil die Finanzierungsbedingungen gut bleiben dürften. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich weiter leicht verbessern. Die Inflation dürfte bei zunehmender Kapazitätsauslastung von 1,5% auf 1,7% anziehen.

Die deutsche Konjunktur hat sich in den ersten Monaten dieses Jahres vom Produktionsrückgang am Jahresende 2012 erholt. Getragen wurde die leichte Expansion insbesondere von den privaten Konsumausgaben. Die Investitionstätigkeit der Unternehmen hingegen war ein weiteres Mal rückläufig. Sie sinkt inzwischen seit sechs Quartalen. Die schwache Weltkonjunktur, insbesondere die anhaltende Rezession im Euro-Raum führte dazu, dass die Exporte im zweiten Quartal in Folge deutlich sanken. Jedoch waren auch die Einfuhren rückläufig. Alles in allem nahm das reale Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal lediglich um 0,1% gegenüber dem Vorquartal zu.

Allerdings wird das konjunkturelle Bild derzeit durch Sonderfaktoren überlagert. Im ersten Quartal behinderte eine ungewöhnlich lange Kälteperiode insbesondere die Bautätigkeit. Im April sprang die Bauproduktion aber wieder deutlich nach oben, was darauf hindeutet, dass vielfach liegengebliebene Arbeiten zügig nachgeholt wurden. Dass allerdings nicht nur Witterungseffekte am Werk sind, lässt sich daran ablesen, dass auch die Produktion in der Industrie zuletzt wieder kräftiger ausgeweitet wurde. Hierzu dürfte vor allem die Belebung der Ausfuhren in den vergangenen Monaten beigetragen haben. Insbesondere aufgrund der Nachholeffekte im Bausektor dürfte der Produktionsanstieg im zweiten Quartal mit 0,6% recht kräftig ausfallen.

Konsumnachfrage und Export dürften deutsche Konjunktur stützen

Für den Prognosezeitraum erwarten wir, dass die deutsche Konjunktur aufwärtsgerichtet bleibt. Treibende Kraft dürfte zum einen die Konsumnachfrage bleiben. Es ist weiterhin ein deutlicher Anstieg der Arbeitnehmereinkommen zu erwarten, gespeist von einer anhaltenden Zunahme der Beschäftigung und deutlichen Lohnzuwächsen. Zudem kann bei der von uns erwarteten Belebung der Weltwirtschaft mit einer wieder kräftigeren Zunahme der Ausfuhren gerechnet werden. Dies lässt voraussichtlich die Kapazitätsauslastung in der Industrie zunehmen, was sich positiv auf die Investitionstätigkeit auswirken dürfte, zumal die Finanzierungsbedingungen günstig sind und die Zuversicht in den Unternehmen steigt.

Allerdings dürfte die Konjunktur auch in der zweiten Hälfte dieses Jahres und im kommenden Jahr durch Sonderfaktoren beeinflusst werden. Wegen der Flutschäden in weiten Bereichen Ostdeutschlands und in Teilen Bayerns dürfte dort die wirtschaftliche Aktivität vorübergehend zurückgehen. Dieser dämpfende Effekt wirkt aber nur kurzfristig und dürfte auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gering sein. Stärker spürbar wird aller Erfahrung nach der Aufwand zur Beseitigung der Flutschäden sein. Hierfür werden Bund und Länder voraussichtlich 8 Mrd. € zur Verfügung stellen. Es wird in der Prognose davon ausgegangen, dass diese Mittel zusätzliche Ausgaben und Investitionen sowohl des Staates als auch Privater induzieren werden. Dies dürfte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in der zweiten Hälfte dieses und in der ersten des kommenden Jahres stärken. Aufgrund des statistischen Unterhangs aus dem Jahr 2012 und der schwachen Expansion im ersten Quartal dürfte der Anstieg des BIP mit 0,4% im Jahresdurchschnitt 2013 gleichwohl gering bleiben.

Für das kommende Jahr erwartet das RWI eine Fortsetzung des Aufschwungs. Dieser Einschätzung liegen die Annahmen zu Grunde, dass die Belebung der internationalen Konjunktur anhalten und sich die Lage im Euro-Raum weiter beruhigen wird. Unter diesen Voraussetzungen dürfte sich das Investitionsklima aufhellen, so dass die Inlandsnachfrage nicht nur vom privaten Konsum, sondern zunehmend auch von den Unternehmensinvestitionen getragen werden dürfte. Auch ist eine stärkere Zunahme der Ausfuhren zu erwarten. Da höhere Exporte erfahrungsgemäß mit höheren Importen einhergehen, die zudem von der anziehenden Inlandsnachfrage profitieren, bleibt der Beitrag der Außenwirtschaft zum Wachstum voraussichtlich gering. Vor diesem Hintergrund erwartet das RWI für 2014 eine Zunahme des BIP um 1,9%.

Zahl der Erwerbstätigen wird wohl weiter steigen

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt dürfte sich im Prognosezeitraum verbessern. Die Zahl der Erwerbstätigen, die auch während der jüngsten Schwächephase noch zugenommen hat, wird sich wohl weiter erhöhen. Der leichte Anstieg der Zahl der Arbeitslosen dürfte sich gleichwohl in diesem Jahr fortsetzen, da das Arbeitsangebot trotz demographisch bedingten Rückgangs derzeit durch die Zuwanderung steigt. Im nächsten Jahr dürfte sie jedoch erneut sinken. Die Arbeitslosenquote wird damit in diesem Jahr voraussichtlich bei 6,9% und im nächsten Jahr bei 6,8% liegen.

Mit wieder steigender Kapazitätsauslastung dürfte es den Unternehmen leichter fallen, die seit einiger Zeit und im Prognosezeitraum wohl weiter steigenden Lohnstückkosten an die Kunden weiterzugeben. Dies auch deshalb, weil die Geldpolitik angesichts der im Euro-Raum wohl weiterhin unterausgelasteten Kapazitäten expansiv ausgerichtet bleiben dürfte. Das RWI erwartet daher einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,5% in diesem und 1,7% im kommenden Jahr.

Weil sich die Konjunktur zum Jahreswechsel 2012/2013 merklich abgekühlt hat und weitere Konsolidierungsbemühungen vor der anstehenden Bundestagswahl unterbleiben, dürfte sich die Lage der öffentlichen Haushalte in diesem Jahr verschlechtern, zumal die Hilfen in Zusammenhang mit der Flutkatastrophe in diesem und dem kommenden Jahr zu erheblichen Mehrausgaben führen dürften. Voraussichtlich wird der Staat im laufenden Jahr ein Budgetdefizit von knapp 5 Mrd. € bzw. 0,2% des BIP aufweisen. Im nächsten Jahr dürfte infolge der konjunkturellen Erholung ein kleines Plus von 1 Mrd. € erzielt werden, vorausgesetzt die neue Bundesregierung schwenkt nach der Bundestagswahl zurück auf den Konsolidierungskurs.

(veröffentlicht in „RWI Konjunkturberichte“, Heft 2/2013)

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Roland Döhrn, Tel.: (0201) 81 49-262
Sabine Weiler (Pressestelle), Tel.: (0201) 81 49-213

Eckwerte der Prognose vom Juni 2013
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %

2012

2013S

2014S

Bruttoinlandsprodukt1 0,7 0,4 1,9
Verwendung1      
Konsumausgaben 0,9 1,0 1,2
   Private Haushalte2 0,8 1,0 1,1
   Staat 1,2 0,9 1,3
Anlageinvestitionen -2,5 -0,5 4,9
   Ausrüstungen -4,8 -2,3 7,2
   Bauten -1,5 0,5 3,7
   Sonstige Anlagen 3,2 2,5 2,8
Vorratsveränderung (Wachstumsbeitrag) -0,4 -0,1 0,0
Inlandsnachfrage -0,3 0,6 1,9
Außenbeitrag (Wachstumsbeitrag) 0,9 -0,1 0,2
   Ausfuhr 3,8 -0,6 6,1
   Einfuhr 2,2 -0,4 6,6
Erwerbstätige3, in 1 000 41 619 41 840 42 035
Arbeitslose4, in 1 000 2 897 2 970 2 935
Arbeitslosenquote5, in % 6,8 6,9 6,8
Verbraucherpreise6 2,0 1,5 1,7
Lohnstückkosten7 2,9 2,2 1,1
Finanzierungssaldo des Staates8
in Mrd. €
in % des nominalen BIP

2,3
0,1

-5
-0,2

1
0,0
Leistungsbilanzsaldo9, in Mrd. € 185,4 195 203


Eigene Berechnungen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, der Deutschen Bundesbank und der Bundesagentur für Arbeit. – 1Preisbereinigt. – 2Einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbszweck. – 3Im Inland. – 4Nationale Abgrenzung. – 5In Abgrenzung der Bundesagentur für Arbeit (bezogen auf inländische Erwerbspersonen). – 6Verbraucherpreisindex. – 7Arbeitnehmerentgelte je Beschäftigten bezogen auf das reale BIP je Erwerbstätigen. – 8In der Abgrenzung der VGR. – 9In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik. – SEigene Schätzung.

Hoch