Konsumindikator

Privater Konsum verliert an Dynamik

Pressemitteilung vom 23. Juni 2016

Der private Konsum dürfte im Sommerhalbjahr etwas an Dynamik einbüßen. Darauf deutet der auf Internetdaten basierende RWI-Konsumindikator hin, der für das zweite Quartal 2016 von 57,0 auf 51,1 zurückgegangen ist. Für das dritte Quartal zeichnet sich mit einem Wert von 45,2 ein noch  schwächerer Anstieg der privaten Konsumnachfrage an. Da sie nach wie vor die wichtigste Triebkraft der deutschen Konjunktur ist, dürfte sich daher auch die gesamtwirtschaftliche Expansion insgesamt etwas abschwächen.

Vor allem das internationale Umfeld scheint die konjunkturellen Aussichten einzutrüben. Dazu dürfte auch die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen eines Brexit beitragen. Entsprechend halten sich die Verbraucher mit größeren Anschaffungen zumindest vorübergehend zurück, auch wenn die Binnenkonjunktur nach wie vor intakt ist und voraussichtlich auch bleiben wird: Die zunehmende Beschäftigung bei steigenden Reallöhnen, die kräftige Anhebung der Altersrenten zur Mitte dieses Jahres sowie die durch die Flüchtlingsmigration induzierten Transfers dürften die verfügbaren Einkommen nochmals deutlich zunehmen lassen und die Expansion der privaten Konsumausgaben stützen. Ausführlichere Informationen hierzu enthält der aktuelle RWI-Konjunkturbericht Heft 2/2016.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Roland Döhrn

Prof. Dr. Roland Döhrn

Tel.: (0201) 8149-262

Dr. Torsten Schmidt

Dr. Torsten Schmidt

Tel.: (0201) 8149-287

Hintergrundinformationen

Zur Konstruktion des RWI-Konsumindikators

Der private Konsum ist mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 60% die wichtigste gesamtwirtschaftliche Verwendungskomponente. Er ist allerdings vergleichsweise schwer zu prognostizieren. Dies liegt unter anderem daran, dass die vorhandenen Frühindikatoren wie der von der GfK im Auftrag der EU-Kommission erhobene Konsumklimaindex oder die Einzelhandelsumsätze nur einen schwachen Zusammenhang mit der späteren tatsächlichen privaten Konsumnachfrage aufweisen.

Inzwischen wird das Internet zunehmend dazu genutzt, um sich im Vorfeld geplanter Käufe über das Angebot und die Preise zu informieren; nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes taten dies 2009 rund 86% der Internetznutzer. Drei Viertel von ihnen kaufen inzwischen Waren oder Dienstleistungen über das Internet. Internetsuchmaschinen nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Dies gilt insbesondere für die Suchmaschine Google mit ihrem Marktanteil von rund 90%.

Der neu entwickelte RWI-Konsumindikator versucht daher, Informationen zur Suchintensität, die von Google wöchentlich bereitgestellt werden, für die Prognose des privaten Konsums zu nutzen. Google weist den Anteil der Suchanfragen nach 605 Kategorien und Unterkategorien zum jeweiligen Zeitpunkt aus. Bei der Berechnung der relativen Suchhäufigkeit einer Kategorie greift Google allerdings nicht auf die gesamte Datenbasis zurück, sondern zieht täglich eine Zufallsstichprobe. Dies hat zur Folge, dass die für einen identischen Suchbegriff ausgewiesenen Indexreihen von Abfrage zu Abfrage leicht variieren. Deshalb wird bei der Berechnung des RWI-Konsumindikators nicht nur auf die jeweils aktuelle Stichprobe zurückgegriffen. Stattdessen werden für jeden Beobachtungszeitpunkt die Ergebnisse von mehreren Stichproben gemittelt, die im Tagesrhythmus gezogen wurden. Dadurch wird eine hinreichend hohe Stabilität der Zeitreihen gewährleistet.

Zur Konstruktion des Indikators werden aus den von Google angebotenen Kategorien 45 ausgewählt, die für die privaten Konsumausgaben relevant sind. Die Auswahl erfolgt anhand der in der Tabelle dargestellten Untergliederung der privaten Konsumausgaben nach Verwendungszwecken in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) des Statistischen Bundesamtes. Dabei werden nur Reihen entweder aus Ober- oder aus einzelnen Unterkategorien verwendet, um etwaige aus Dopplungen resultierende Verzerrungen zu vermeiden.

Die Google-Zeitreihen liegen auf Wochenbasis für den Zeitraum ab 2004 vor und sind nicht saisonbereinigt. Sie werden zunächst über eine einfache Durchschnittsbildung zu Monatsdaten aggregiert und mit einem statistischen Verfahren (CENSUS X12 ARIMA) saisonbereinigt. Im nächsten Schritt werden die 45 Einzelindikatoren zu einem Gesamtindex verdichtet, indem aus den Vormonatsveränderungen der Google-Zeitreihen ein monatlicher „Diffusionsindex“ gebildet wird. Dieser gibt an, wie groß der prozentuale Anteil der betrachteten Einzelreihen ist, die in einem Monat gestiegen sind. Anschließend wird dieser Index, der Werte zwischen 0 und 100 annehmen kann, zu einem Index auf Quartalsbasis aggregiert.

Verwendungszwecke der privaten Konsumausgaben gemäß VGR und zugeordnete Google-Kategorien

SEA-Nr. bzw. Verwendungszweck gemäß VGR / Google-Kategorien

01: Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke
Alkoholfreie Getränke, Lebensmittelhändler

02: Alkoholische Getränke, Tabakwaren
Alkoholische Getränke, Tabakprodukte

03: Bekleidung und Schuhe
Designer und Modekollektionen, Kleidung

04: Wohnung, Wasser, Strom, Gas u.a. Brennstoffe
Abfallwirtschaft, Elektrizität, Hausfinanzierung, Hausversicherung, Öl und Gas, Schlaf- und Badezimmer

05: Einrichtungsgegenstände (Möbel), Apparate, Geräte u. Ausrüstungen für den Haushalt sowie deren Instandhaltung
Einrichtungsgegenstände, Haushaltsgeräte, Haushalt und Inneneinrichtung, Heimwerken

06: Gesundheitspflege
Arzneimittel, Krankenversicherung, Medizinische Einrichtungen und Dienste

07: Verkehr
Autofinanzierung, Ersatz- und Zubehörteile für Kraftfahrzeuge, Fahrzeugkauf, Fahrzeugmarken, Transportwesen

08: Nachrichtenübermittlung
Mobil und Drahtlos, Serviceprovider

09: Freizeit, Unterhaltung und Kultur
Buchhändler, Computer- und Videospiele, Fotographie und digitale Kunst, Kunst und Unterhaltung, Reiseagenturen und -dienstleistungen, Spielzeug, Tierprodukte und Tierservice, Verkauf von Eintrittskarten für Veranstaltungen, Unterhaltungselektronik, Zeitungen

10: Bildungswesen
Ausbildung

11: Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen
Hotels und Unterkünfte, Restaurants

12: Andere Waren und Dienstleistungen
Finanzen, Gesichts- und Körperpflege, Haarpflege, Soziale Dienste, Versicherungen

Unsere Untersuchungen ergaben, dass der so konstruierte RWI-Konsumindikator gegenüber dem privaten Verbrauch einen Vorlauf von einem Quartal aufweist. Er eignet sich damit als Kurzfristindikator nicht nur für Prognosen des laufenden Quartals, sondern liefert auch gute Informationen für das jeweils kommende Quartal. Die Abbildung zeigt den Index vom ersten Quartal 2004 bis zum ersten Quartal 2012 zusammen mit den Veränderungsraten des saisonbereinigten privaten Konsums. In dieser Darstellung wurde der RWI-Konsumindikator zur Veranschaulichung um ein Quartal verzögert dargestellt. Insgesamt zeichnet der Index die Schwankungen in den Vorquartalsveränderungen des saisonbereinigten privaten Konsums durchweg gut nach. Der starke Rückgang des Konsums im ersten Quartal 2007, der vor allem auf die damalige Mehrwertsteuererhöhung zurückzuführen war, spiegelt sich zwar nicht in einem besonders ungünstigen Wert des Konsumindex wider. Jedoch zeigte dieser auch damals die richtige Tendenz an. Daneben wurde auch der deutliche Rückgang des Konsums im zweiten Quartal 2011 nicht angezeigt. Hier bleibt aber abzuwarten, in welcher Richtung das Statistische Bundesamt die Veränderungsrate noch revidieren wird. Die Erfahrung zeigt, dass der Konsumindikator die „endgültigen“ Veränderungsraten des Konsums besser nachzeichnet als die aus der ersten Publikation des Statistischen Bundesamtes berechneten.

RWI-Konsumindikator und Private Verbrauchsausgaben

Weiterführende Literatur

RWI (2010), Analyse und Prognose des Spar- und Konsumverhaltens privater Haushalte. RWI Projektberichte. download

Schmidt, T. und S. Vosen (2012), A Monthly Consumption Indicator for Germany Based on Internet Search Query Data. Applied Economics Letters 19 (7): 683-687.

Schmidt, T. und S. Vosen (2011), Forecasting Private Consumption: Survey-based Indicators vs. Google Trends. Journal of Forecasting 30 (6): 565-578.

Schmidt, T. und S. Vosen (2010), A Monthly Consumption Indicator for Germany Based on Internet Search Query Data. Ruhr Economic Papers #208. RWI. download

Schmidt, T. und S. Vosen (2009), Forecasting Private Consumption – Survey-based Indicators vs. Google Trends. Ruhr Economic Papers #155. RWI. download

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