Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen

Projekt: Aufbau eines ökonometrischen Mehrländermodells

Projektlaufzeit

07/2009 - (laufend)

Projektteam (RWI)

Dr. György Barabas, Prof. Dr. Roland Döhrn, Svetlana Rujin, Dr. Torsten Schmidt (Leitung)

Zusammenfassung

Die zunehmende Verflechtung der internationalen Güter-, Finanz- und Arbeitsmärkte hat weltweit die wechselseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaften erhöht. Insbesondere für Deutschland als offene und stark außenhandelsorientierte Volkswirtschaft ist die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland von großer Bedeutung. Bei der Prognoseerstellung, der Analyse von Risikoszenarien und der Beurteilung von Politikmaßnahmen sind daher Interdependenzen zwischen In- und Ausland immer stärker zu berücksichtigen. Ein Instrument, das dies ermöglicht, ist ein ökonometrisches Mehrländermodell. Das RWI hat Anfang 2009 mit der Entwicklung eines eigenständigen Mehrländermodells begonnen. Es verwendet Vierteljahresdaten und ist daher mit der Periodizität des RWI-Konjunkturmodells für die deutsche Volkswirtschaft kompatibel. Im Jahr 2010 setzte das RWI eine erste lauffähige Version seines Mehrländermodells im Rahmen seiner Konjunkturanalyse ein. Seitdem wurde das Modell kontinuierlich weiterentwickelt. In der aktuellen Version bildet das RWI-Mehrländermodell die außenwirtschaftliche Verflechtung von 39 Industrie- und Schwellenländern ab, ergänzt um die Einflüsse des fiktiven Landes „Rest der Welt“, das die Importe aller unberücksichtigten Länder auf sich vereint. Für 22 der 39 betrachteten Länder enthält das Mehrländermodell ökonometrische Teilmodelle. Diese nationalen Modellblöcke erfassen die binnenwirtschaftliche Entwicklung der Länder und lassen sich hinsichtlich ihres Detaillierungsgrades in zwei Gruppen teilen. Weltwirtschaftlich besonders wichtige Länder werden in vergleichsweise detaillierten Modellen abgebildet. Dies sind gegenwärtig die sechs Länder USA, Japan, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. Ökonomische Alternativszenarien lassen sich für diese Länder relativ differenziert in diesen Teilmodellen implementieren, da u.a. der Staatssektor endogen modelliert ist. Außerdem ermöglicht die höhere Anzahl von Rückkopplungskanälen eine tiefergehende Darstellung der Wirkungen von Schocks. Aus technischer Sicht bestehen die Teilmodelle dieser Länder jeweils aus 65 Gleichungen, von denen 32 stochastisch sind. Die zentralen Verhaltensgleichungen sind als Fehlerkorrekturmodelle spezifiziert. Weitere 16 Industrieländer werden durch kompaktere, stärker stilisierte Teilmodelle abgebildet. Die Wirtschaftsentwicklung dieser Länder wird durch jeweils 36 Gleichungen erfasst, von denen 15 stochastisch sind. Überwiegend erfolgt hier die Spezifizierung durch ADL-Gleichungen, die mit dem 2SLS-Verfahren geschätzt werden. Neben Südkorea und Kanada entsprechen die Teilmodelle Deutschlands und 13 weiterer europäischer Staaten dieser vereinfachten Modellstruktur. An die Stelle des aktuellen Deutschlandblocks wird in naher Zukunft das deutlich umfangreichere und langjährig bewährte RWI-Konjunkturmodell treten. Das Projektteam arbeitet momentan an einer Verknüpfung des Konjunkturmodells mit dem Mehrländermodell. Bei den restlichen 17 Modellländern beschränkt sich die Modellierung derzeit auf Importgleichungen, die die Nachfrage dieser Länder im Rahmen Handelsmatrix bestimmen Zu dieser Gruppe gehören insbesondere die BRIC- und OPEC-Staaten. Obwohl eine detailliertere Modellierung zumindest einiger dieser Länder vor dem Hintergrund ihrer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung wünschenswert wäre, scheitert diese momentan häufig an der unzureichenden Datenbasis, die noch keine verlässliche Abbildung der binnenwirtschaftlichen Zusammenhänge erlaubt. Diese Teilmodelle unterschiedlicher Größe werden über eine Handelsmatrix miteinander verknüpft, die den Kern des Mehrländermodells bildet. Im Unterschied zu den individuellen Länderblöcken, erfolgt die Modellierung des Warenaustauschs länderübergreifend einheitlich. Aus den nationalen Teilmodellen wird die gesamte Importnachfrage abgeleitet. Über die Handelsmatrix werden nun die Importe jedes Landes zu den Exporten der Partnerländer übergeleitet. Dazu werden die Einfuhren zunächst einheitlich in US-Dollar umgerechnet. Danach werden die Importe nach Maßgabe von Handelskoeffizienten in Exporte der Partnerländer umgerechnet. Diese Koeffizienten geben für jede Länderpaarung an, welcher Anteil der Gesamtimporte des importierenden Landes durch Lieferungen der verschiedenen exportierenden Länder bedient wird. Die Handelskoeffizienten sind zeitvariable modelliert und ändern sich in Abhängigkeit von Wechselkursen und der relativen Preise. Darüber hinaus enthalten die Gleichungen autoregressive Einflüsse. Durch Multiplikation der Gesamtimporte mit den Handelskoeffizienten lassen sich für alle Länder die bilateralen Exporte kalkulieren und daran anschließend die Gesamtexporte durch Aggregation berechnen, die dann in die nationalen Teilmodelle eingehen. Technisch erfordert die Handelsmatrix für jedes Länderpaar und jede Richtung die Schätzung einer zusätzlichen Gleichung, wodurch sich die Zahl der stochastischen Modellgleichungen um 1521 erhöht. Die Einhaltung technischer Restriktionen sowie die Kalkulation und Umrechnung der einzelnen Werte, wird durch rund 3000 weitere Identitäten innerhalb des Modells sichergestellt. Insgesamt gewährleistet die simultane Aufteilung der Importe über alle Länder hinweg, dass die bilateralen Ex-und Importe spiegelbildlich kalkuliert werden. Der zentrale Vorteil besteht in der Konsistenz. Die Gesamtexporte des einen Landes ergeben sich als Summe der bilateralen Importe aller anderen Länder und der Importpreisindex des einen Landes entspricht einem gewichteten Durchschnitt der Exportpreise seiner Handelspartner. Die Übertragung konjunktureller Impulse über den internationalen Güterhandel wird somit länderspezifisch erfasst. Neben der Modellierung der Handelsströme gewährleisten mehrere Schnittpunkte innerhalb der Teilmodelle die Berücksichtigung weiterer Transmissionskanäle. Hierzu zählen insbesondere Zins-, Wechselkurs- Preiseffekte. Letztlich ermöglicht das RWI-Mehrländermodel durch das Zusammenspiel aller Transmissionskanäle mit den einzelnen Länderblöcken eine simultane Modellierung der Wirtschaftsentwicklung in den Modellländern unter Beachtung der wechselseitigen Abhängigkeiten. Das Modell ist damit vielseitig für makroökonomische Analysen einsetzbar.

Ausgewählte projektbezogene Publikationen

Artikel in sonstigen Zeitschriften

2017

Döhrn, R. und S. Rujin (2017), Unsicherheit über Brexit-Modalitäten prägt Konjunktur in Großbritannien. RWI Konjunkturberichte 68 (3): 49-65. download

2015

Rujin, S. und T. Schmidt (2015), Zinswende in den USA - Fluch oder Segen für die Konjunktur im Euroraum?. Wirtschaftsdienst 95 (3): 186-191. DOI: 10.1007/s10273-015-1804-0

2012

Breuer, S. und T. Schmidt (2012), Warum sich Deutschland der Rezession im Euroraum widersetzen kann – Einsichten aus Simulationen mit dem RWI-Mehrländermodell. Wirtschaftsdienst 92 (10): 687-691.

Döhrn, R., P. an de Meulen, G. Barabas, H. Gebhardt, T. Kitlinski, M. Micheli, T. Schmidt, S. Vosen und L. Zimmermann (2012), Die wirtschaftliche Entwicklung im Inland: Konjunktur wieder im Aufwind. RWI Konjunkturberichte 63 (1): 43-99. download

2010

Döhrn, R., P. an de Meulen, T. Kitlinski, T. Schmidt und S. Vosen (2010), Die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland: Der erste Schwung ist vorüber. RWI Konjunkturberichte 61 (2): 5-36. download

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